Nur  Gnade! 

Was haben Sie gedacht, als Sie den Unterarm des Mannes gesehen haben? Mein erster Eindruck: „Das sieht brutal aus!“ Das wollte aber nicht zu dem passen, was er in der Hand hielt. Es war kein Schlagstock und kein Springmesser. Es war ein Kelch. Ein Abendmahlskelch. Und das Motiv, das er auf dem Unterarm trug, war nicht das Zeichen einer brutalen Gang. Es war die reformatorische Erkenntnis: „Sola gratia!“ - „Allein aus Gnade!“ 

Der Mann heißt Jakob und lebt im Kloster Volkenroda, wo er auch für Gottesdienste zuständig ist — und die Menschen verblüfft. 

 

So ähnlich war es auch bei den Söhnen des biblischen Jakob. Vor Jahren haben sie ihren Bruder Jakob verkauft und ihrem Vater Jakob vorgespielt, er sei von wilden Tieren gerissen worden. Doch in Wirklichkeit hat er in Ägypten Karriere gemacht: vom Leibsklaven und Gefangenen schafft er es — auf dem Umweg eines Traumdeuters — zum mächtigsten Mann Ägyptens nach dem Pharao. Dann kommt es zur Begegnung mit ihrem Bruder. Er erkennt sie, sie erkennen ihn nicht. Er hat sich offenbar äußerlich verändert, doch sie haben sich innerlich verändert. Eine spannende Geschichte. Am Ende staunen die Brüder: „Du hast uns beim Leben erhalten; lass uns nur Gnade finden vor dir, unserm Herrn.“ (1. Mose 47,25). 

 

Eine Bitte, die ich nachzusprechen eingeladen bin: 

„Gott, du hast mich am Leben erhalten. Das allein ist schon eine Gnade. Essen, Trinken, Kleidung, Wohnraum — wie viele haben das nicht!  Vergib mir gnädig meine Undankbarkeit! Und ich brauche es auch, dass du mir gnädig vergibst, dass ich dir und meinen Mitmenschen so oft diese Liebe schuldig bleibe — besonders wenn sie anders sind als ich oder wenn sie mir Angst machen, wenn ich dann vergesse, dass ich in deiner Hand bin.  Lass mich bitte aus deiner Gnade leben und sie andere spüren lassen. Sola gratia. Allein aus deiner Gnade lass mich leben. Sie genügt, damit ich meinen Lebensweg weitergehen kann. Amen.“ 

 

Reiner Braun, Pfarrer in Dautphe 

Monatsspruch September 

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 

                                                       Jeremia 23,23

 

„Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mir und über dir. Ja, er hat es versprochen…“ So erinnern wir uns gegenseitig singend an das Versprechen, das Gott an vielen Stellen der Bibel gibt. Der Monat September steht nun unter einem Prophetenwort, das hinter diesen Glauben ein Fragezeichen setzt und von Gottesferne spricht. Was fangen wir damit an?

Wir könnten sagen: „Das ist Altes Testament, das gilt nicht.“ Aber: Dass Gott seine Hände über uns hält, ist auch alttestamentlich. Warum beziehen wir das eine auf uns, das andere nicht?

Wir könnten auch sagen: „Ja, Gott ist manchmal fern. Aber in Jesus ist er uns immer nahe. Er kehrt sich von uns, wenn wir sündigen. Und weil Jesus uns vergibt, ist er uns dann doch wieder nah.“ Aber es gibt nicht nur zärtliche Jesusworte, sondern auch ziemlich harte. 

Was nun? Ich denke so: Wir Menschen neigen immer wieder zu Extremen. 

  • Das eine Extrem ist die Heilssicherheit: „Gott ist bei mir, egal was ich tue. Also kann ich machen, was ich will.“ 
  • Das andere Extrem ist die Heilsunsicherheit: „Ich sehe Gott nicht, habe Angst vor ihm, erst recht, wenn ich was falsch mache.“ Oder: „Ich weiß gar nicht, ob er da ist, ob er für mich da ist, ob er mich liebhat.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, er ist mir so fern.“ 
  • Ein drittes Extrem ist die Heilsgleichgültigkeit: „Gott, Glaube, Kirche ist für mich weit weg – und ich lebe trotzdem und mache mein Ding.“ 

Diese Extreme gleichen sich dadurch, dass sie an Beziehungsarmut leiden. Eine Beziehung geht kaputt, wenn ich glaube, ich hätte den anderen in der Tasche, oder wenn ich vor ihm oder ihr Angst habe oder wenn sie oder er mir eigentlich egal ist. So ist es auch mit dem Glauben.

Der Prophet ruft uns aus den Extremen heraus in den Glauben hinein. Damit macht er den Glauben spannend – wie ein Trampolin, bei dem sich die Federn ausdehnen und zusammenziehen, bei dem es hochgeht und runter, das mich schleudert und auffängt, das mich in Spannung versetzt und in höchste Aufmerksamkeit. Wie eben eine spannende Liebesbeziehung. So ruft uns der Prophet in die Heilsgewissheit hinein als ein Geschenk Gottes, das uns von kalten Extremen freimacht.

Der Jude Schalom ben Chorin drückt seine Beziehung zu Gott in einem Gebet aus: „Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir, Ursprung, in den ich münde, du fern und nah bei mir.“ (Gesangbuch 237,1). Ein Gebet, das dem Prophetenwort entspricht und das ich gerne nachsprechen möchte.


Pfarrer Reiner Braun, Dautphe